Zehn Wochen zuvor
Sie trug keine Schuhe. Das fiel ihm zuerst auf.
Dann dachte er, dass die attraktive Brünette komplett verrückt sein musste. Es war die einzige logische Erklärung, denn sie kam auf ihn zu.
Er beobachtete verstohlen, wie sie sich durch die schmalen Gitter des Geländers zwängte und den Ausblick bewunderte. Dann setzte sie sich neben ihn, und sie hockten nebeneinander auf dem Stützpfeiler einer sehr hohen Brücke über einem sehr dunklen, sehr kalten Fluss.
Schließlich sah sie ihm mit angstgeweiteten Augen direkt ins Gesicht.
»He!«, rief sie. Eine Windböe erfasste den Saum ihres dünnen Seidenkleides und entblößte ihre langen Beine. Ihr Ledermantel, der eher modische Zwecke erfüllte, als dass er einen auch nur entfernt wirksamen Schutz gegen die frühe winterliche Kälte geboten hätte, klaffte vorne auf.
Komm mir bloß nicht näher, dachte er. Sie würde sich umbringen, wenn sie auch noch über die Sicherheitsbarriere der Brücke kletterte. Er wollte heute Nacht sterben, hatte jedoch nicht das geringste Verlangen danach, zuzusehen, wie jemand so eine Dummheit beging.
»Verschwinden Sie!«, murmelte er.
Sie verschwand nicht. Stattdessen sah sie sich suchend um. »Heiliges Kanonenrohr! Das ist ziemlich hoch, was?«
Eine bemerkenswerte Beobachtung. Er musterte sie, während sie vorsichtig näher an ihn heranrückte. Verrückt. Sie war garantiert total durchgeknallt.
»Helfen Sie mir!«
Er runzelte die Stirn. »Helfen Sie sich selbst. Sehen Sie nicht, dass ich vorhabe, mich umzubringen?«
Er unterdrückte rigoros jede mitfühlende Regung und blickte auf das dunkle Wasser des Don River weit unter ihm. Also wirklich, es hätte kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt für diese Unterbrechung geben können. Außerdem brachte sie sich in äußerste Lebensgefahr.
»Helfen Sie mir erst, dann können Sie sich immer noch umbringen«, schlug die Frau vor.
Wer war sie? Was wollte sie hier? Wusste sie, wer er war? Hatte man sie vielleicht geschickt, um ihn daran zu hindern, seinem schon viel zu langen Leben ein Ende zu setzen?
Nein. Diese junge Frau, die sich entschlossen hatte, am Ende dieses kalten Novembers barfuß auf diese Brücke zu klettern, hatte nicht speziell nach ihm gesucht. Er erkannte es an ihrem Blick. Er konnte ihre Angst förmlich riechen. Dies hier war nichts weiter als ein Zufall.
Allerdings einer, der ihm ziemlich ungelegen kam.
Außerdem hatte sie Bissspuren am Hals. Diese Frau war gerade erst von einem Vampir gebissen worden.
Das Blut an ihrem Hals war noch ganz frisch...
Er ignorierte seinen aufflammenden Hunger, seine Reißzähne, die plötzlich länger wurden und schmerzten. Er hatte seit hundert Jahren kein frisches menschliches Blut mehr getrunken. In seinem Alter brauchte er das nicht mehr, aber das Verlangen danach lauerte ständig in ihm. Jeden Tag. Jede Stunde.
Die langen Schatten von drei Gestalten näherten sich ihnen. Es waren drei Männer. Er hielt die Luft an. Waren sie hinter ihm her? War man ihm zur Brücke gefolgt?
Heute Nacht würde er den Schlusspunkt unter sein langes Leben setzen. Damit würde der sogenannte Meistervampir Thierry de Bennicœur sein Ende finden und nach beinahe siebenhundert Jahren sterben. Waren diese Männer ihm gefolgt, um Zeuge seines Schicksals zu sein?
Nein. Sie hatten nur Augen für die Frau. Ein großer blonder Kerl, eindeutig ein Mensch, grinste siegessicher. Sein Blick streifte Thierry nur kurz, bevor er wieder zu der Frau zurückglitt.
»Ein Freund von dir?«, fragte er sie.
»Ein sehr guter Freund sogar«, erwiderte die Frau hastig und sah Thierry ängstlich an. »Er wird Ihnen mächtig in den Hintern treten, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen.«
Wie bitte? Thierry hob erstaunt eine Braue. Hatte sie gesagt, in den Hintern treten? Diesen Hünen?
Der Blonde schnaubte verächtlich. »Das würde ich gern sehen.«
»Vampirjäger!«, stieß Thierry hervor. Er war in seinem Leben genügend Vampirjägern begegnet, um in dem Blonden einen von dieser Sorte Mensch zu erkennen. Dass der Jäger einen angespitzten Holzpflock in der Faust hielt, war zwar obendrein ein recht deutlicher, aber überflüssiger Hinweis.
»Wer will das denn wissen, hm?« Während der Mann sprach, glitt sein Blick von den nackten Füßen der Frau ihre langen, schlanken Beine hinauf. Es war der Blick eines Raubtiers, und zwar eines von der Sorte, die nicht nur nach dem Tod ihres Opfers trachtete.
Jäger liebten es, mit ihrer Beute zu spielen, bevor sie sie umbrachten, vor allem wenn es sich um hilflose, attraktive weibliche Zöglinge handelte.
»Es spielt keine Rolle, wer ich bin.« Thierry zwang sich, seine Stimme unbeteiligt klingen zu lassen. »Sie stören meine Privatsphäre«, fuhr er fort. »Seien Sie bitte so liebenswürdig, Ihre Angelegenheiten woanders zu erledigen.«
Und lasst die Frau in Ruhe, sonst lege ich euch um.
»Wir wollen nur diesen süßen kleinen Vampirhintern einsammeln, dann verschwinden wir wieder, und Sie können mit dem weitermachen, was Sie gerade tun wollten.«
Die junge Frau trat zitternd noch näher zu Thierry und packte seinen Mantel am Revers.
»Bitte, lassen Sie nicht zu, dass sie mir etwas antun. Bitte!«, flehte sie ihn an.
Er spürte die Wärme ihres Körpers. »Ich will damit nichts zu tun haben.«
Spring endlich, befahl sich Thierry streng. Vergiss sie, alle vier. Du hast mit dieser Frau nichts zu schaffen. Wo ist ihr Erzeuger? Schließlich unterliegt das hier seiner Verantwortung.
»Zu spät.« Der Jäger zwängte sich auf Händen und Füßen durch die schmale Öffnung des Brückengeländers und packte die Frau an der Fessel ihres Fußes. »Ich wollte ein Gentleman sein und dich schnell umbringen. Na ja, jedenfalls mehr oder weniger schnell. Aber jetzt werde ich dich langsam und genüsslich in Stücke reißen. Du wirst jede Sekunde davon spüren.«
Als Antwort trat die Frau zu Thierrys Überraschung zu und traf den Jäger mit ihrem großen Zeh ins Auge.
Ausgezeichnet. Das Auge war eines der besten Ziele am menschlichen Körper, wenn man sich verteidigen wollte, das oder die Leisten. Der Jäger schrie auf und presste die Hand auf das Gesicht.
Die Frau wich hastig zurück und verlor beinahe den Halt. Thierry packte sie, zog sie an sich und hielt sie fest.
Sie sah überrascht zu ihm hoch. »Danke. Ich dachte, Sie wollten mir nicht helfen.«
»Das war ein Reflex«, erklärte Thierry. Was auch stimmte. Zumindest fast.
Die beiden anderen Jäger machten nun ebenfalls Anstalten, durch das Gitter zu klettern. Auch sie hielten gefährlich spitze Pflöcke in den Händen. Thierry mochte sein eigenes Schicksal heute Nacht zwar ziemlich gleichgültig sein, aber er empfand doch so etwas wie ein Verantwortungsgefühl für diese Frau. Ihre Sicherheit war jetzt, oder zumindest für die nächsten paar Minuten, das Einzige, was zählte.
Bedauerlicherweise stand ihnen nur noch ein einziger Fluchtweg offen.
Er blickte auf den dunklen Fluss hinunter. »Ich nehme an, uns bleibt nichts anderes übrig, als zu springen.«
Die Frau umklammerte seine Taille noch fester. »War das nicht Ihr ursprünglicher Plan? Und hatten Sie nicht eigentlich vor, sich auf diese Weise umzubringen?«
Er dachte an den Pflock, der in der Gesäßtasche seiner Hose steckte und mit dem er sich eigentlich hatte umbringen wollen, bevor der Fluss seine sterblichen Überreste wegschwemmen würde.
Er würde auf ein anderes Mal warten müssen.
»Bei meinem Glück heute Abend wird der Sturz mich nicht umbringen«, sagte er seufzend und schlang seinen Arm um ihre Taille. »Aber Sie vielleicht.«
Ohne einen weiteren Widerspruch abzuwarten, stieß er sich von dem Pfeiler ab. Der Schrei der Frau gellte schmerzhaft laut in seinen Ohren.
Er konnte sich nicht erinnern, wann sich das letzte Mal eine schöne Frau so fest an ihn geklammert hatte. Ganz kurz hatte er sich lebendig und begehrt gefühlt, höchst gefährliche Empfindungen für jemanden wie ihn.
Als sie im Fluss landeten, gingen diese Sentimentalitäten jedoch im eiskalten Wasser unter, und die Realität holte ihn rasch wieder ein.
Er musste sie so schnell wie möglich loswerden. Eine andere Wahl blieb ihm nicht. Eine so junge, frische und lebendige Frau würde aus seinem Leben nur ein vollkommenes Fiasko machen.
Es wäre ein verhängnisvoller Fehler.
Für sie beide.